I done did it

14. Dezember. Nichts schreit mehr "Pauschaltourismus" als eine lange Schlange hungriger Pensionisten vor dem Frühstücksbuffet. Es ist 3.45 Uhr, ich habe gerade für zwei Stunden ein Hotelzimmer bezogen - die wohl teuerste "Nacht" meines Lebens. Immerhin hatte ich Glück: Die Mitglieder meiner Schicksalsgemeinschaft, die über den Diskonter gebucht hatten, haben aufgrund der Verspätung keinen Airport-Shuttle und auch kein Zimmer mehr. Das Hotel war jedoch so freundlich, sie im hauseigenen Wellnessbereich chillaxen zu lassen. Für ein Stündchen halt.

Die Freude ist jedenfalls groß, als wir uns am Nachmittag wiedersehen. In Ushuaia, dem Ende der Welt. Was natürlich Blödsinn ist, weil die Reise hier ja eigentlich erst beginnt. Vor dem Trip ins Feuerland heißt es allerdings erst einmal wieder fliegen. Diesmal klappt alles reibungslos: Wir starten pünktlich und landen ebenso. Nach zwei Tagen gehörigen Durcheinanders fühlt sich das irgendwie ungewohnt, aber doch sehr gut an.

Tatsächlich noch erreicht: das eine Ende der Welt
Mich irritieren vielmehr meine neuen Mitreisenden, deren entfernte Bekanntschaft ich nun in Buenos Aires in geballter Form mache. Mein Favorit ist der - wie könnte es anders sein - beige gekleidete Herr, der wirklich jeden Moment fotografisch festhält. Mit Ausklappblitz, damit das fünf Kilometer entfernte Gebirgsmassiv im Hintergrund auch noch hell erleuchtet ist. Konsterniert blickt ihn die Flughafenmitarbeiterin an, als sie im Moment des Boardingpass-Checkens von ihm quasi aus der Hüfte abgeschossen wird.

Sehr gut gefällt mir natürlich auch der Herr, der auf die Gibt-es-noch-Fragen-Frage fragt, ob es denn am Schiff Abendessen gibt. Derselbe Herr versucht wenig später in Ushuaia übrigens Pizza ohne Tomate zu bestellen und scheitert damit kläglich. Getoppt wird er nur noch von dem Paar, dass fünf Minuten nach der Abfahrt mit dem Bus Richtung Zentrum von Ushuaia feststellt, dass es eigentlich in den anderen Bus Richtung Nationalpark Tierra del Fuego gehört. Stand ja bloß vorne am Bus groß drauf.

Mir wird daher schnell bewusst: Ich muss hier raus, aus diesem Bus, dieser Gruppe. Doris, die schwäbelnde Stadtführerin, die hauptberuflich eigentlich Deutschlehrerin ist, bemüht sich zwar redlich, die Truppe zu bespaßen, aber gegen die versammelte Kleingeistigkeit kommt sie nicht an.

Nach einem kurzen Abstecher zum alten Flughafen, der einen schönen Überblick auf die ehrlich gesagt sehr hässliche Stadt Ushuaia bietet, kann ich mich endlich lossagen und zwei Stunden nur für mich genießen.

Wäre sicherlich pünktlicher gewesen als die Iberia

Ushuaia arbeitet fleißig an seiner Verschönerung



Ich fotografiere Möwen, kaufe köstlich schmalzige und, weil es noch nicht fett genug ist, mit Schokolade überzogene Churros, und nutze anschließend ausgiebig das kostenlose WLAN des Tourismusbüros, um nach all den Strapazen mitzuteilen, dass ich es doch noch zum Schiff geschafft habe.


Köstlich schmalzige Churros

Um 15 Uhr setze ich dann auch tatsächlich Fuß auf die MS Midnatsol. Jetzt sind allerdings zunächst die Formalitäten zu erledigen: Auf Deck 4 gibt es die Schlüsselkarte, die zugleich als Kreditkarte funktioniert, auf Deck 5 eine kostenlose feuerrote Segeljacke plus Trinkflasche und auf Deck 8 eine Visite beim Bordarzt, um die in einem früheren Blogpost erwähnte Tauglichkeitsbescheinigung abzugeben.

die MS Midnatsol

Ich stelle mich innerlich bereits darauf ein, dass ich Liegestütz machen oder mir zumindest mit dem rechten Arm über den Kopf greifen muss, um das linke Ohr zu berühren, doch weder noch: Er lächelt einfach freundlich und nimmt die Papiere. Angesichts des Durchschnittsalters der anderen Mitreisenden dürfte er weitaus schlimmere Anblicke als mich gewohnt sein.

Danach ist es endlich soweit: Ich kann meine Kabine beziehen. Sie erinnert ein bisschen an ein Wohnmobil: Nicht schön, aber zweckmäßig, mit vielen praktischen Staumöglichkeiten und, als mein persönliches Highlight, einem Puffin alias Papageientaucher als lebensbejahendes Teppichmotiv.

Meine Unterkunft für die nächsten zweieinhalb Wochen
Puffin-Teppich

Es folgen, stark gerafft, ein Wiedersehens-Tequila-Sunrise mit der österreichischen Diskonter-Schicksalsgemeinschaft, das Abendessen, der obligatorische und vor dem Ablegen gesetzlich erforderliche Sicherheitsdrill, die Begrüßung durch den Kapitän und mehrere Stunden an Deck, um diese wunderschöne Kulisse, die das hässliche Ushuaia umgibt, einzufangen und zu genießen.

Nicht kleidsam, aber angeblich lebensrettend

On-Bord-Entertainment

Die nächsten Wochen werden entbehrungsreich. Sollten wir im Eis festsitzen, müssen wir unsere Pferde und Schlittenhunde opfern.







In wenigen Stunden könnte es dann aber erst so richtig hässlich werden: Die Fahrt durch die berühmt berüchtigte Drake-Passage steht bevor. Sollte es schlecht laufen, muss ich mir so manches noch einmal durch den Kopf gehen lassen ...

Ungewiss blicke ich auf das nun vor mir Liegende

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