Stille Nacht, eisige Nacht

25. Dezember (Teil 2).  Irgendwann wird es still. Kein Auto, kein Flugzeug, kein Rasenmäher, keine schreienden Kinder oder das dumpfe Poltern der Nachbarn über mir. Nur der Wind und meine Gedanken.

Ich war in der Antarktis Kayak fahren, bin in ihr mit Schneeschuhen gewandert und sogar kurz geschwommen. Der Höhepunkt meiner Reise stand bislang aber noch aus: eine Nacht im Zelt in der Antarktis.

Am Abend um 21 Uhr geht es los. 32 Männer, Frauen und Kinder haben sich für dieses Abenteuer gemeldet. Zusammen mit unseren zwei Guides setzen wir mit dem Schlauchboot zu einer kleinen Landzunge über, wo uns bereits unser Equipment für die „Amundsen-Nacht“ erwartet: ein Zelt, eine Iso-Matte, eine dünne Luftmatratze, ein Schlafsack und ein Klappspaten. Alles stilecht verpackt in einem Pulka, den es nun zum vorgesehenen Zeltplatz zu ziehen gilt.

Es sind vielleicht nur 100 Meter bis dorthin, doch die haben es in sich, sinke ich doch bei fast jedem meiner Schritte bis zum Knie im Schnee ein. Amundsen und sein Team, erfahre ich später, haben einst am 25. Dezember 1910 unter derartigen Bedingungen, allerdings mit wesentlich mehr Gepäck, 24 Kilometer an einem Tag zurückgelegt. Eine unvorstellbare Leistung.

Angekommen, geht es mit meiner Zeltpartnerin Ellen, einer reizenden Dame aus Norwegen, die in ihrem Leben bereits ein paar Jahre als Wildhüterin in Afrika gearbeitet hat und sich nun hier einen weiteren Lebenstraum erfüllt, an den Aufbau. Mit unseren Füßen treten wir erst den Schnee platt, dann folgt das Zelt. Später werden wir uns denken, dass wir mehr Zeit für das Fundament hätten verwenden sollen: Es ist leicht abschüssig, sodass wir mit unseren Schlafsäcken nach unten rutschen.

Im Anschluss folgt eine Einweisung in den Gebrauch der beiden Camping-Toiletten, die etwas außerhalb unserer in einer Reihe aufgebauten Zelte hinter einem Schneewall stehen. Uns wurde allerdings empfohlen, die wichtigsten Geschäfte im Vorfeld zu erledigen. Die Aussicht, sich mitten in der Nacht zum Pinkeln aus dem warmen Schlafsack raus in die Kälte zu stehlen, scheint ohnehin für niemanden sonderlich verlockend.
Toiletten-Schulung
Selina, eine der beiden Guides, erzählt uns im Anschluss in versammelter Runde, wie Amundsen am Ende seines langen Marsches einst den 25. Dezember feierte. Und wie damals gibt es Geschenke: eine warme Haube und ein Halstuch. Das größte Geschenk macht uns allerdings die untergehende Sonne: Sie färbt alles um uns herum in strahlendes Gold. Es ist ein magischer Moment, der mir die Tränen in die Augen treibt – aber nicht der letzte in dieser Nacht.
Ein magischer Moment (straight out of camera, no editing)
Gegen Mitternacht begeben Selin und ich uns ins Zelt, um wenigstens ein bisschen Schlaf zu bekommen. Nachdem mir vom Herumstehen nach den Anstrengungen kalt ist, bin ich froh über ein frisches Paar trockene Socken und den wärmenden Schlafsack.
Zelt-Selfie
An Schlaf ist allerdings vorerst nicht zu denken. Die Amerikanerin im Zelt nebenan – mir vom Buffet bereits bekannt, weil sie sich von jeder Sache ganz gemütlich immer exakt ein Stück auf ihren Teller legt - kichert ununterbrochen. Ich stelle mir vor, wie ein Seeleopard sie unter Wasser zieht und für immer zum Schweigen bringt. Als auch das nichts hilft, ziehe ich eine Lösung mittels Klappspaten in Betracht. Schon besser, ich schlafe irgendwann ein.
Falls ihr mal einen Platz zum Campen suchen solltet
Als ich aufwache, ist es 4 Uhr in der Früh. Der Wind hat aufgefrischt und zerrt am Zelt. Ich ziehe mich an, was durchaus Überwindung kostet, denn Hose und Stiefel sind kalt und feucht. Draußen erwartet mich eine Überraschung: Eine Robbe hat sich in der Nacht zu uns gesellt und es sich nur wenige Meter von unseren Zelten entfernt gemütlich gemacht. Der Weg zur Toilette führt direkt an ihr vorbei.  
Ich mache ein paar Fotos, setze mich ans Ufer, und lausche, wie das Treibeis in der Bucht leise klackend aneinanderschlägt. Einige Eselspinguine sind auch schon wach. Einer von ihnen kommt direkt auf mich zu. Einen halben Meter vor mir bleibt er neugierig stehen. Wir schauen uns gegenseitig an, wohl beide nicht wissend, was der andere im nächsten Moment vorhaben könnte. Es ist der zweite magische Moment. Nach einer guten Minute watschelt er weiter – zuvor gelingt es mir noch, mir meinen Traum von einer Weitwinkelaufnahme mit Pinguin-Closeup zu erfüllen.  
Eine gute Minute schauen wir uns aus nächster Nähe an
Um 5.30 Uhr ist das offizielle Wecken, es hat inzwischen begonnen zu schneien. Nach und nach kriechen die anderen „Expeditionsteilnehmer“ aus ihren Zelten. Nur zwei besonders Hartgesottene haben auf einer Anhöhe etwas weiter vom Camp entfernt die Nacht in ihren Pulkas verbracht.
Gegen 6 Uhr erscheint die Midnatsol wieder am Horizont. Sie hatte uns am Abend verlassen, damit wir die absolute Stille in der Antarktis genießen können. Jetzt sind wir doch alle ganz froh, sie wiederzusehen. Bevor es allerdings ins Schlauchboot, unter die warme Dusche und zum gemeinsamen Frühstück zurück an Bord geht, gilt es noch unsere Spuren zu beseitigen und besonders tiefe Trittlöcher mit Schnee zuzuschütten, damit keine Pinguine hineinfallen können.
Die Midnatsol kommt zurück, wir sind gerettet
Nachdem sie mir eine unvergessliche Erinnerung beschert haben, komme ich dieser Aufgabe nur zu gerne nach.

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